Katrin Laur

Deutschland ist mein Stiefvaterland, Deutsch meine Stiefmuttersprache.
Ende November 1982 kamen wir mit dem Zug aus Moskau in Ostberlin an: mein Mann, ein
Kommilitone aus der Moskauer Filmakademie, unsere dreieinhalbjährige Tochter und ich.
Wir hatten drei Koffer dabei, einen mit estnischen Kinderbüchern und Schallplatten, und die
Gitarre meines Mannes, die uns etliche Jahre über Wasser hielt. Außerdem hatten wir ein
wenig Geld, unsere frisch erworbenen Diplome als Filmregisseure und kannten keinen
einzigen Menschen in Deutschland. Über Checkpoint Charlie kamen wir nach Westberlin,
Treppe hoch, Treppe runter – Aufzüge oder Rolltreppen gab es nicht. Ein paar Tage später
fuhren wir weiter nach München. Ich konnte mir nicht vorstellen, in einer Stadt zu leben,
auf deren anderer Seite Menschen wie ich hinter der Mauer gefangen gehalten wurden.
In München legte ich meinen roten sowjetischen Pass auf die Theke des
Kreisverwaltungsreferats und bat um Asyl. Auf Englisch. Ich sprach sehr gut Englisch und
war zuversichtlich, dass mir diese Sprache überall auf der Welt helfen würde. In Bayern
allerdings nur bedingt.
Warum haben wir – eigentlich ich – Deutschland ausgewählt? Weil ich wusste, dass Esten
und Deutsche 700 Jahre lang in Estland zusammengelebt haben. Wir haben ähnliche
Traditionen und essen ähnliche Dinge. Und ich wusste, dass Estland seine Unabhängigkeit
durch den Molotow-Ribbentrop-Pakt verloren hatte. Deutschland trug eine Mitschuld
daran, dass wir in einem besetzten Land lebten.

Als ich anfing, Deutsch zu lernen, hatte ich das Gefühl, als würde sich die Sprache aus mir,
aus dem Estnischen, herauspellen. Hinter vielen estnischen Wörtern entdeckte ich Deutsch,
oft im Satzbau, oft in der Grammatik. Das heißt allerdings nicht, dass mir das Deutschlernen
leichtgefallen wäre oder besonders schnell gelang.
Das Trauma meiner ersten Jahre kann ich nicht in Worte fassen. Wie es sich anfühlte,
plötzlich – während für alle anderen Friedenszeiten herrschten – ein Kriegsflüchtling zu
sein. Nichts von dem, was ich bis dahin erreicht hatte, und ich dachte, es war schon einiges,
hatte noch einen Wert. Ich konnte mich in alltäglichen Situationen nicht verständlich
machen. In Deutschland sah ich die ersten Kommunisten meines Lebens; in Moskau oder
Tallinn gab es keine, auch wenn es dort genug Konformisten gab.
Ich wäre vermutlich zurückgegangen, aber Gott sei Dank war das unmöglich. Zwar wäre die
Todesstrafe für den „Verrat am sozialistischen Vaterland“, die im sowjetischen
Strafgesetzbuch stand, vermutlich nicht vollstreckt worden, doch einen öffentlichen
Spießrutenlauf hätte ich nicht vermeiden können.
Es dauerte neun Jahre, bis ich wieder nach Estland reisen konnte. Bis dahin waren meine
Wunden vernarbt. Meine Tochter wuchs in München auf und pilgert heute jedes Jahr
dorthin zurück; in Estland fehlen ihr die Berge.
Radio Freies Europa war eine gesegnete Zwischenlandung. Ich arbeitete für Estland, lebte
aber in München. Auch ich liebe München und Bayern und bin dankbar für die glückliche
Kindheit meiner Tochter dort.

Als wir 1982 nach München kamen, scherzte mein Mann, dass dort, wenn ein Dackel von
einem Auto überfahren werde, die Zeitungen am nächsten Tag darüber berichten würden.
Der Polizist wurde „Schutzmann“ genannt, und auf den Straßen gab es keine Obdachlosen.
Im Fernsehen beteuerten Politiker, Deutschland sei kein Einwanderungsland, obwohl man
sehen konnte, dass die ehemaligen Gastarbeiter nicht vorhatten, wieder wegzugehen.

Seitdem hat sich das Land stark verändert. Von 2011 bis 2021 war ich Professorin für
Dramaturgie an der Kunsthochschule für Medien in Köln. Wenn ich meinen Studenten
erzählte, wie ich Deutschland vorgefunden hatte, als ich ankam, konnten sie es sich kaum
vorstellen – besonders jene Studenten, die keine deutschen Wurzeln hatten.
Ich liebe nicht nur das Land, sondern auch und vor allem die deutsche Sprache. Mein
Lieblingsseminar an der KHM – und für viele Studenten ebenfalls – war Creative Writing.
Schwer zu übersetzen. Manche Studenten schrieben auf Englisch, die meisten jedoch auf
Deutsch. Jedes Jahr gab es einige, wenn auch nicht viele, die ein besonders schönes und
reiches Deutsch beherrschten. Wie ich das genossen habe!
Jetzt, da ich überwiegend in Estland lebe, abonniere ich einige deutsche Zeitungen. Ich lese
sie, weil ich mich schon immer für Weltpolitik interessiert habe, aber auch wegen ihrer
gepflegten Sprache.
Es gibt deutsche Familien, deren Geschichten ich kenne, die sie mit mir geteilt haben und zu
denen ich teilweise gehört habe und noch gehöre. Mein Schwiegersohn ist Deutscher, also
sind es auch meine Enkelkinder. Blutsbande.